Es fuhr ein Schiff auf hoher See – ein Text, der mir noch auf der Palette brannte

„Es fuhr ein Schiff auf hoher See“ – ein Schiff in den hohen Wellen, ein fliegender Holländer, ein alles verpestendes Kreuzfahrthochhaus, Walfänger auf blutiger Mission, ein ärmliches kleines Fischerboot oder die weiße Luxusjacht. Da oben, so erzählen sie uns, da steht einer, mit Wissen und Erfahrung, der wird das Schiff schon schaukeln, so sagen sie.

Auf hoher See treiben auch kleine Boote, marode sind sie, seeuntüchtig. Und ihre unerfahrenen, gewissenlosen Kapitäne jeden Geschlechts sind wir.

Wir schließen die Häfen, die Sicherheit bieten könnten, und schicken die Menschen zurück hinaus in den unerträglichen Durst, in den verzehrenden Hunger und nähren sie mit Angst. Das Steuerrad unseres Gewissens haben wir verheizt, schon aus Gleichgültigkeit. 

Und dann wenden wir uns ab, wir wollen nicht zusehen, wie das brennende Salzwasser die Augen der Kinder verätzt, die Haut Blasen wirft und die Babies sterben – nein, wir schimpfen ein wenig auf die Marionette einer Staatsführerin, erfreut, dass die braune Brut des Bösen sogleich die Verantwortung übernimmt

Ja, der Teufel mag es gern besonders scheußlich, und wer nicht an ihn glaubt, sehe in die Pupillen der Diktatoren. Wieder ducken wir uns weg und streiten kaum, planen, debattieren nicht, nach Lösungen ringend. Die Verbrecher, die uns der Vertreter des Neuen Absolutismus geschickt hat, sind der Grund, die Entschuldigung für unseren Nachbarschaftsgeiz und Zorn. 

Das ist bequem, und wir empören uns ein wenig, während wir uns wie immer den Spaß nicht nehmen lassen, an den Stränden liegen, an die nachts die Toten geschwemmt wurden, an denen wir uns schuldig gemacht haben. 

Und dann lassen wir die Korken knallen, hören die Schüsse aus unseren eigenen Waffen nicht, vor denen diese Familien fliehen. Wir eilen zum Käptnsdinner, dem Schlachtfest unseres Gewissens. Und so schaukeln leere Boote auf hoher See, immerzu, immer weiter, immer auf und ab, ihr Kapitän bist Du, bin ich. Und im Licht der Laternen, das die wenigen, verbliebenen Fische anlocken soll, sehen wir zu, wie das riesige Schiff voll feiernder, fröhlicher Menschen von seinem Kapitän immer näher an die nadelspitzen Felsen gesteuert wird, weil er einfach nur seiner Freundin winken will …

Caprifischer

König Fußball – ein Textbeitrag, der mir noch auf der Palette brennt

Wenn ich in diesen Tagen meinen Computer öffne, werde ich sogleich aufgefordert, mich mittels Fussballdekorationen als Fan zu identifizieren. Das ist für mich natürlich völlig absurd. Denn ich bin keiner. 
Dabei geht es mir nicht darum, mich nicht mit Ballsport in all seinem Spass zu identifizieren, sondern keinesfalls mit einem Massenhype zu symphatisieren, ja, diesen mit all meinen „Freunden“ zu bewerben, der keinen weiteren Sinn hat, als eine gewaltige Kapitalspritze der Fussballindustrie zu befriedigen,  
Massen von Fans zu stimulieren, deren Sport vor alle darin besteht, sich trinkend und pöbelnd danebenzubenehmen – im schlechten Fall. Im Guten kaufen sie Fanartikel und jubeln über Grillwürsten. Wie aber kann ich einer Meisterschaft korrupter Funktionäre in einem Land zujubeln, dass Homosexuelle verfolgt, einsperrt, foltert und sogar bisweilen ermordet? Ein Land, indem Künstler, Intellektuelle unterdrückt werden? Auf dessen Befehl abertausende Hunde und Katzen erschlagen, vergiftet wurden, damit der Jubeltourist nicht sieht, das man sie hungern lässt? Das Blut der tausend armen Hunde von Sotschi ist in meiner Erinnerung noch nicht getrocknet, da wird auf frischem Leid gekickt. Mir ist bewusst, selbst wenn in Russland Gaskammern gebaut würden, nähme der Fussballspass nicht ab. Es ist dem Spasstrunkenen egal, wo er auf den Boden spuckt, weltweit. Gerade weil ich die Schönheiten Russlands schätze, Landschaft und Kultur und mich dem kommunistischen Gedanken nicht fern fühle, gerade deshalb graut mir vor dieser Veranstaltung besonders. 
 
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